Terminator VS Tourguide

desMo_

wohnt im Forum...
Motorrad
Tuono V4 Factory
Modelljahr
2018
Es ist Sonntag. Wie dieses Jahr dubioserweise üblich, gibts wieder mal eine Begegnung mit einer Gruppe Flachländern 😒 7 Reisekisten aus Belgien stehen an einer roten Ampel, die unmittelbar in eines meiner Lieblingstäler führt. Schnell drängele ich mich an der stehenden Gruppe vorbei, bevor sie mir als mobile Straßensperre die halbe Strecke vermasselt und düse bei Grün los.

Wenige Meter später im moderaten Tempo leuchtet mir etwas ins Auge. GS-Scheinwerfer tauchen im Rückspiegel auf, dahinter eine Sportler-Kawa aus den 90ern, der Tank mit Leder bezogen. Die vorderen Zwei haben sich von ihrer Gruppe gelöst und wollen sich offensichtlich mit dem Lokalmatador messen. Mein erster Impuls lautet Runterschalten und den dreckigen Ausländern zeigen, wo der Frosch die Locken hat (Sorry, Überdosis Integrationspille 🫨).

Aber der Gedanke fühlte sich falsch an. Dass ich den Jungs davonziehen würde, weil sie im Gegensatz zu mir die Strecke nicht kennen, lag auf der Hand und war wenig reizvoll. Wenn sich einer beim Versuch dranzubleiben am Ende mault und verletzt wäre es echt scheiße. Außerdem würde es den Straftatbestand eines illegalen Straßenrennens erfüllen und sowas tun V4-Fahrer per se nicht.

Hm. Ich schalte um. Vom unfairen Wettkampf zum Tourguide. Mein übliches Tempo schraube ich um 20% runter, so dass ich immer noch Spaß habe und die Jungs genug Reserven, um sich wohlzufühlen und notfalls korrigieren zu können. Kurve um Kurve ziehe ich die Beiden mit und gebe ihnen ein kleines Erlebnis als Einheimischer. Macht irgendwo eine Kurve zu, signalisier ich es. Halten sie in einem schnelleren Abschnitt mit, gibt es den Daumen hoch oder ich warte, bis wieder angeschlossen wird. Ihre Gruppe ist längst Geschichte. Die Kurvenhatz zieht sich über rund 20 Kilometer und endet schließlich auf einem Parkplatz neben der Strecke.

Wir ziehen die Helme ab. Breites Grinsen auf beiden Seiten, hochgestreckte Daumen und Schulterklopfer werden verteilt. Die Fahrer, geschätzt Mitte 30 und Ende 50, sagen mir, dass sie sich sehr darüber gefreut haben, dass zur Abwechslung mal einer nicht sein Ego präsentieren und davondonnern wollte, sondern sich angepasst hat um sie mitzunehmen. Zitat des deutschsprechenden, lachenden Belgiers: "Dass wir hier so schnell durchkommen habe ich nicht gedacht". Ich fühle mich gut. Es ist definitiv die bessere Entscheidung gewesen.

Der Rest der Gruppe kommt an. Wir unterhalten uns, sie zeigen mir die Route, ich gebe Tipps, welche Strecken sie meiden und alternativ nehmen sollen. Wir verabschieden uns, sie biegen rechts ab, ich links. Ich bin happy. Manchmal gewinnt man mehr, wenn man gar nicht versucht zu gewinnen.
 
Wie immer schön geschrieben. Die innere Kraft, gelbe Kennzeichen mit solch christlicher Nächstenliebe zu behandeln, habe ich noch nicht aufbringen können. Möge dein beeindruckendes Zeugnis mich zukünftig zu mehr Tugendhaftigkeit anleiten.

Das gespiegelte Erlebnis hatte ich vor ein paar Wochen in Italien. Der Local war zuerst am Ortsausgang an uns vorbei gezogen und nachdem wir sahen, dass er sich auskennt und sehr sauber fährt, haben wir Vertrauen gefasst und sind auf einer uns völlig unbekannten Strecke in einem Tempo drangeblieben, das sonst niemals möglich gewesen wäre. Ist schon cool, wenn man allein an der Körpersprache genau erkennt, ob Gegenverkehr kommt oder wie der Kurvenverlauf ist. Die Kommunikation hinterher war aber schwieriger, weil bei ihm überhaupt kein Englisch und bei mir nur ein paar Brocken Baustellenitalienisch vorhanden war. Aber unsere Dankbarkeit ist definitiv angekommen.
 
Normalerweise wäre ich davongezogen. Liegt aber zu 99% daran, dass unsere Nachbarn selbst bei 30° Schräglage nochmal am Scheitelpunkt bremsen. So ging es auch dem Rest der Gruppe, aber die 2 Jungs konnten und wollten, trauten sich aber verständlicherweise nicht. So kam es zu einer kurzfristigen Motorradfreundschaft, die einfach mega war :) Ich muss sagen, neben Kindern, die sich ebenso an meinem Motorrad freuen wie ich (und die auf der Autobahn dann auch mal einen Wheelie präsentiert bekommen) sind solche Begegnungen immer die besten.

Beim Schwarzwaldtreffen des Street Triple Forums 2025 machten wir nach einer sehr geilen Passage (Steinatal) eine Tankstellenpause. Meine Truppe wollte weiter um was zu Mampfen, aber ich hatte noch Bock auf Extrarunden im Tal. Neben mir an der Zapfsäule stand ein Schweizer im Einteiler neben seiner S1000RR, circa mein Alter. Den hab ich angequatscht, meiner Truppe gesagt dass ich 15 Minuten später komme und schon sind er und ich ein paar Runden geknattert. Wir hatten mega Spaß, haben uns super verstanden, zum Schluss Instagram ausgetauscht und verabschiedet. Stehen heute noch im Kontakt und ich melde mich jährlich bei ihm, wenn ich mal wieder im Südschwarzwald bin.
 
Ich glaube, es war 2014 oder so...
Wir fuhren den Passo di Brocon von der Val Sugana Seite aus an, hatten gerade Castello Tessino passiert, als wir auf zwei Reiseenduros aufliefen.
Kaum erkannten sie uns im Spiegel, zogen sie das Tempo an. Der vordere hatte ein Nürnberger Kennzeichen, der hintere ein türkisches auf seiner Adventure GS.
Es kam eine Rechtskehre und die GS vor mit schwenkte aus wie ein Reisebus. Fast die linke Leitplanke touchiert, dann den Scheitel in der Mitte der Kehre gewählt und rausgekommen auf der Gegenspur. Also definitiv nicht meine Linie. Auf der Geraden gab es dann ein Hallali und ich schaute mir das Drama noch eine Weile an.
Dann kam wieder eine Rechtskehre. Diesmal war ich nicht überrascht. Der Reisebus vor mir versuchte die linke Leitplanke nicht zu touchieren, ich blieb hart leichts rechts von der Leitlinie. Der Reisedampfer vor mir kreuzte meine Spur, um zielsicher wieder die Mitte der Kehre zu avisieren. Ich fuhr derweil einfach hinten um ihn rum. Er wurde erneut auf die Gegenfahrbahn getragen und war ein wenig überrascht, dass da eine Felswand auf ihn zukam und ich dachte mir, der ist ja jetzt eh beschäftigt und meine Linie ist komplett frei. Da hab ich dann meiner V2 Tuono die Sporen gegeben und bin dann rechts an dem Geisterfahrer vorbei.
Das weckte wohl ein gewisses südländisches Ehrgefühl und ich hatte formatfüllend den Reisedampfer im Spiegel. Nach kurzer Gegenwehr schwenkte die vordere Reiseenduro die weiße Fahne und mein türkischer Freund und ich übernahmen die Führung. Also es war schon etwas schneller auf den Geraden, als ich üblicherweise auf so schmalen Pässchen so fahre. Enge Radien verschafften mir dann immer einen Vorsprung und ich musste auf den Geraden nicht ganz so hart am Kabel ziehen. Mein Kumpel arbeitete sich einstweilen an dem Nürnberger mit der Super Tenere ab.
Bei der ersten Skistation fuhren dann die beiden Reiseenduros auf den Parkplatz und ich erachtete die Sache als erledigt.
Bei der eigentlichen Hütte machten wir dann eine Pause. 5 Minuten später kamen die beiden, erkannten uns und fuhren zielsicher auf uns zu.
Ich war mir eigentlich sicher, dass es jetzt richtig Mecker wegen der Rechtsüberholaktion geben würde. Der GS Fahrer sprang von seinem Mopped, riss sich den Helm vom Kopf und erklärte mir mit breitestem Grinsen, dass das jetzt gerade die geilste Etappe seiner Reise gewesen wäre, seit er Istanbul verlassen hat.
Er bestand darauf, uns auf ein Bier einzuladen und bedauerte lediglich, dass er seine Helmkamera nicht eingeschalten hatte. 😁
 
Motoplex
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